Erlebnisbericht Wattwanderung

Nationalpark-Wattführer Dark Blome führt seine Gäste nach Norden, links die Dünen der Amrum Odde und rechts das Wattenmeer, im Osten ist die Nachbarinsel Föhr zu erkennen. Dort will er hin mit seinen Leuten. Es ist ablaufendes Wasser, immer mehr Flächen fallen trocken. Auf weiten Bereichen des Meeresbodens hier vor Amrum kann man bereits gehen. Nur rüber kommt man noch nicht. „Wir starten von Amrum bei Niedrigwasser. Direkt hier vor der Odde verläuft ein dicker Priel, da müssen wir durch. Das geht am besten, wenn das Wasser soweit abgelaufen ist wie möglich.“ Er führt an der Wasserkante entlang, Markierungstonnen tanzen sanft im Wasser des Priels; eines Gezeitenstroms, in dem Ebbe und Flut ein- und ausströmen  in das Watt. Einer seltsamen Zwischenwelt, die der Wattführer zeigen möchte, die Zusammenhänge erklären kann er schon jetzt.
Dark, hier draußen ist man per Du, erläutert die Strecke: „Die Wanderung durch das Watt wird ungefähr drei Stunden dauern. Geradewegs rüber nach Föhr können wir nicht gehen, denn direkt vor der gegenüberliegenden Küste liegt ebenfalls ein Priel, den wir nicht queren können. Wir gehen durch das Watt nach Norden und biegen dann direkt auf die Insel zu.“ Dark blickt auf die Uhr, schaut auf das Wasser. „Los Leute! Das Wasser ist nun weit genug abgelaufen, wir können jetzt durch den Priel. Bitte helft euch gegenseitig, falls nötig es nötig ist.“ Ein Grund für solche „großen“ Touren ist gewiss auch die angenehme Kameraderie unter gleichgesinnten Natur- und Nordseefreunden, die sich schnell und selbstverständlich einstellt. Und das Gefühl, ganz weit weg vom Rest der Welt zu sein. Kommt hinzu: „Ich gehe nur in kleinen Gruppen mit maximal 30 Teilnehmern.“ Sagt Dark und geht in den Priel.
Das Wasser ist heute nur knietief, strömt aber mit irritierender Kraft der Nordsee hinterher. Man möge sich nur vorstellen, wie es ist wenn es mehr ist. Deshalb sind solche Touren immer von Wetter und Wasserstand abhängig (oder sie finden andersherum statt - von Föhr nach Amrum, auf den Inseln Bustransfer, zwischen den Insel hin/rück mit der Fähre), etwas Besonderes auch deshalb. Die Leute sind in freudiger Erwartung auf das, was kommt. Wie ist sie, diese geheimnisvolle Welt da draußen? Eine Welt, die zwei Mal am Tag aus den Fluten der Nordsee auftaucht und zwei Mal wieder untergeht. Wie ist es dort, wo der Mensch nur Gast auf Zeit ist und wo er doch eigentlich nichts zu suchen hat. Sie ist einzigartig, voller Leben und in dieser Größe weltweit einmalig, deshalb ist sie ein Nationalpark. Und Dark kann den Leute das nicht nur zeigen, er kann das – kurzweilig, spannend und verständlich – auch sehr gut erläutern. Man ist gepackt von der Leidenschaft, mit der der Amrumer Dark Blome seine Heimat liebt und lebt.
Die Markierungstonnen stehen schief in der Strömung, und sie zeigen einen Schifffahrtsweg an. Allein die Vorstellung, dass ein paar Stunden später hier eventuell Schiffe fahren….! Wenn die Flut wieder da ist, und deshalb „… haben wir ein Zeitfenster, an das wir uns halten müssen. Denn die Nordsee wartet nicht.“ Die ist längst schon wieder unterwegs. Alle Leute haben den „Priel geschafft“ und damit auch den Abstand vom Alltag. Ein Gefühl unermesslicher Freiheit kommt auf. Alleinsein in der Natur, aber doch behütet in der kleinen Gruppe und unter guter Aufsicht eines erfahrenen Wattführers. Der Kopf ist jetzt frei und das Gefühl der vollkommenen Losgelöstheit kann man nun umso mehr genießen.
Das muntere Gepiepe der Austernfischer im Ohr, den sanften, ewigen Zug des Windes spüren und das Watt unter den Füßen, Frische atmen – ja: endlich tief Durchatmen - und den Wohlgeruch des Meeres, vielleicht das Salz auf den Lippen schmecken. Der Blick schweift in die Unendlichkeit, bleibt manchmal hängen an etwas, das eventuell doch nur eine Illusion ist; dann manchmal gaukelt die Luft etwas vor, dass es gar nicht gibt. Umso leichter wird´s ums Herz mit jedem Schritt und der Kopf freier mit jedem Meter.
Das Watt ist gut zu begehen, fester Sandboden und hier von kniehohen Sandwällen und Rinnen durchzogen. „Daran erkennt ihr die ungeheure Dynamik - Ebbe und Flut, auch das Wetter wenn es Sturm gibt, verändern den Meeresboden ständig. Wie es ganz genau ist, weißt Du erst wenn Du hier bist.“ Die Richtung  aber stimmt, wenngleich die einzige Konstante die Veränderung ist. Die Gruppe ist im gemütlichen Marschiermodus – Strecke machen, die Nordsee wartet nicht. Amrum liegt achteraus (hinter den Leuten), die offene See weit im Westen links, das Ziel rechts voraus. Dark hebt Muscheln auf, erklärt sie, gräbt den obligatorischen Wattwurm aus, lässt Meersalat probieren wer mag (schmeckt salzig und ein wenig nach Grünzeug). Erzählt an Wrackresten die Geschichte der „City of Bedford“, eines Schiffes, das einst hier unterging und davon, dass vor vielen, vielen Jahren der Pastor von Föhr hinüberritt zu seinem Sprengel Amrum. Geschichte  und Geschichte irgendwo auf dem Meeresboden vor Amrum. Nur von der Freiheit muss er nicht erzählen, denn die spürt jeder selbst. der-inselläufer.de