Kutter im Seezeichenhafen, historisch©

Als die Büsumer Kutter
 festmachten

06.01.2021

Jedes Jahr zog es viele Fischer aus den Häfen an der Küste in die ertragreichen Fanggründe rund um Amrum, um Krabben zu fangen. In den 1950er bis 1970er Jahren machten zeitweilig bis zu 120 Kutter auf Amrum fest. Die meisten kamen aus Büsum, einige wenige auch aus Tönning, Friedrichskoog oder Wremen. „Wir haben schon am Klang gehört, welcher Kutter reinkam oder rausfuhr“, sagt Max Ganzel (auf Amrum bekannt als „Aale-Max“), der 1958 als junger Handwerker von Föhr nach Amrum gezogen war. „Das war regelrecht Musik für uns.“ „Und ein wunderschönes Bild, wenn sie morgens oder abends in Abständen so einer nach dem anderen in Wittdün vorbeituckerten“, schwärmt seine Frau Ingrid noch heute, die „von Husum stammt“ und damals noch in der Inselstraße bei ihren Eltern wohnte. Oben unterm Dach im Haus Magarethe, dem heutigen Hafen 31.


Damals wurde nur tagsüber gefischt. Von April bis November ging es, je nach Tide, im Morgengrauen raus und etwa zwölf Stunden später wieder zurück in den Hafen. Die Kutter kamen meist erst im Spätsommer nach Amrum, wenn das Wasser in den Fanggründen vor der Eidermündung „grün“ (also zu klar für die Krabben) wurde. Doch mit ihren langsam laufenden Dieselmotoren von 40 bis 70 PS und den Kisten voller Krabben hätten die Fischer gut acht Stunden zurück in ihren Heimathafen gebraucht. Undenkbar! Deshalb löschten sie die Krabben in Wittdün und machten als Gastlieger auf der Insel fest. Dann lagen im Tonnenhafen dutzende dieser alten, traditionell schwarz-weißen Holzkutter mit den kleinen Ruderhäusern und der BÜS- oder SC- Kennung für Büsum. Manchmal, wenn das Wetter schlecht war und zu viele Kutter reinkamen, lagen die kleineren der meist acht bis dreizehn Meter langen Schiffe auch schon mal in Steenodde.

Bilder aus einer vergangenen Arbeitswelt
„Bis in die 1970er Jahre war die technische Ausstattung der Krabbenkutter noch sehr altmodisch“, erinnert sich Udo Schmidt, der von 1963 bis 1966 bei Joh. Boysen in Büsum eine Lehre als Schiffsmaschinenschlosser gemacht hat und fast alle Kutter von damals kennt. Zwar fischten die meisten schon mit zwei Baumkurren, doch die Netze waren oftmals noch aus Baumwolle und die Krabbenkessel wurden noch mit Kohle befeuert. Erst nach und nach setzten sich Kunststoffnetze, Siebmaschinen, moderne Öfen und Hydraulik an Bord durch. Die Krabbenfischerei war unglaublich viel Handarbeit: Waren die Krabben eingeholt, mussten sie zunächst gesiebt, dann in Seewasser gekocht, anschließend an der Luft gekühlt und schließlich in Kisten gefüllt und verstaut werden. Schwere Arbeit für ganze zwei Mann Besatzung, den Kapitän und seinen Gehilfen.
Kein Wunder, dass diese Männer auf Amrum als wettergegerbte, raue Gesellen in Erinnerung geblieben sind. Sie waren wochenlang fort von zuhause, lebten und schufteten an Bord ihrer Holzkutter. Man teilte sich ein kleines Logis im Vorschiff unter Deck, ganze zweieinhalb Quadratmeter, nur einen Meter achtzig hoch und sehr eng. Darin ein Tisch, vier Kojen, zwei Matratzen und ein Kanonenofen, der mit Eierbriketts geheizt wurde. Man schlief in seinen Klamotten und wusch sich in einer Pütz (10 Liter Eimer). Zähne wurden mit Seewasser geputzt. Komfort? Gab’s nicht.
Täglich wurden die Speisekrabben von der Fischereigenossenschaft abgeholt und nach Büsum zur Verarbeitung gebracht. Entweder kam ein Dampfer nach Amrum oder die größten Kutter übernahmen die Ladung und brachten sie nach Dagebüll oder sie ging in Kisten auf einem LKW-Hänger auf die Fähre.
Man landete den Fang an und nach dem Löschen (Entladen) wurde der Kutter geschrubbt und geputzt, die Netze getrocknet, auf Löcher kontrolliert und geflickt. Das war so wichtig! Neue Netze waren unheimlich teuer und man hat in jeder Saison welche durch „Haker“ (Hängen bleiben auf dem Grund) verloren.
„Wenn der Nachmittag schon halb rum war, gab’s einen halben Eimer Frischwasser pro Kopf - für das Körperbad mit Nassrasur an Deck - und um 17:00 Uhr gab es Abendbrot auf dem Kutter, entweder mit Kollegen oder mit dem Käpt’n. Danach machte man Backschaft (Küchendienst) und der Feierabend kam in Sicht. Dann wurde der Auslauftermin besprochen und gewarnt vor zu viel Bier – an Land.“, erzählt Udo Schmidt. „Ungefähr um sieben waren die Seeleute abends fertig, an Land zu gehen - je nachdem, wie penibel der Kapitän war. Und meiner war sehr penibel“, schmunzelt Schmidt, der eigentlich seit 1966 als Maschinenassistent für die Hamburger Reederei Ernst Russ zur See fuhr. Doch weil die ihn nicht durchgehend beschäftigen konnte, heuerte er zwischendurch für die Fangsaison 1970 auf BÜS 103 unter Kapitänseigner Willi Mordhorst sen. an, als Motorist, und fischte von August bis Oktober vor Amrum.
Als ausgebildeter Schiffsmaschinenschlosser erhielt er einen Anteil von 25% am Fangerlös, doch für’s Essen musste selbst bezahlt werden. Einfache Gehilfen ohne Berufsausbildung bekamen nur 20%, es sei denn, sie konnten Netze flicken. Dem Kapitän und dem Schiff blieben also 75 bis 80% des erzielten Erlöses.
„Im März wurde die Rüm Hart (BÜS 103) aus dem Winterschlaf geholt und aufgerüstet. Alle beweglichen Teile wurden geputzt und abgeschmiert und ein Probelauf gestartet. Bereits im Winter hatte der Kapitän zuhause in der Waschküche die Netze repariert oder erneuert. Inzwischen gab es schon Kunststoffnetze, die man nicht mehr zum Trocknen aufhängen musste. Anfang April konnten wir die Krabbensaison starten.
Ich musste viel lernen, denn die Verarbeitung von Lebensmitteln war Neuland für mich. In dieser Zeit fingen wir am Tag rund 200 Pfund Speisekrabben und 40 Korb Gammel (untermaßige Krabben, die als Tierfutter verwendet werden), aber im Juli ging der Fang zurück, weil  das Wasser „grün“ wurde und sich die Krabben gen Norden verzogen“, erinnert sich Udo Schmidt an seinen Einstieg als Krabbenfischer.
Am ersten August-Wochenende findet traditionsgemäß die Büsumer Kutterregatta statt, bei der in sieben Klassen um den Sieg gefahren und um das Blaue Band gekämpft wird. Alle Kutter sind daran beteiligt und dürfen Gäste mitnehmen.
„Da unser Kutter vorher gemalt werden musste, machten wir Werftzeit auf dem Watt vor dem Hauptbadestrand: einen Tag auf der Steuerbordseite, nächsten Tag auf Backbord.“
Als auch im August der Fang sehr mager blieb und in den Löchern und Prielen keine Krabben mehr zu fangen waren, hieß es: „Wir müssen in die Fremde zum Fischen, nach Amrum!“, wo es durch andere Wassertemperaturen und Strömungen genug Krabben gab.
„So min Udo, ab naichste week kook ik föör, för jüm - Swinsbrooden, Frische Supp und een Putt Gestooftes ut Bohnen un Kantüffeln,“ sagte die Kapitänsfrau.
„Sie hatte fürs Erste drei vorgekochte Mahlzeiten gebracht, die wir nur aufzuwärmen brauchten. Da der Aufenthalt viele Wochen dauern konnte, wurde ein Koffer gepackt, dazu Kojenbezüge, blau-weiß kariert und Proviant für die Versorgung.
Der Kutter wurde betankt, ein paar Kanister Frischwasser zum Waschen mitgenommen, Kisten für die Krabben und natürlich Reservenetze. Am nächsten Morgen ging’s los. Im Nordfriesischen Wattenmeer wurde „rübergefischt“ und wir machten mit vollen Kisten noch vor der Dunkelheit im Tonnenhafen auf Amrum fest. Der Krabbengammel wurde, sehr zur Freude der Möwen, wieder ins Meer geworfen, denn auf Amrum gab es keine Möglichkeit zur Verwertung.“
„Wir haben den Fischern ab und zu mal zwei Flaschen Bier gegeben für eine Pütz Krabben und damit unsere Hühner gefüttert“, erzählt Jan von der Weppen, aber den Gammel bekam man geschenkt.
Für eine kurze Zeit nach dem Krieg hatte es auf Amrum eine Darre für die Trocknung von Futterkrabben gegeben, doch sie wurde nie zu Ende gebaut und hat sich nicht gehalten. Max Ganzel, der oft in den Hafen fuhr, um Beifang zu kaufen (Fische, die den Krabbenfischern ins Netz gerieten), kann sich gut an den Standort der Darre erinnern: Sie lag auf dem Heidehügel östlich der alten Vogelkoje in Wittdün, wo Broder Lorenzen, genannt Bodi Fisch, lebte und seinen Fisch verarbeitete. Heute sind die Fundamente von Heidekraut und Krähenbeeren überwachsen.

Amrum war bei den Fischern beliebt
Das Fanggebiet rund um Amrum war beliebt. „Wir fingen jeden Tag 10 bis 12 Kisten Speisekrabben. Man konnte mit kleinen Holzkuttern dort viel Geld verdienen“, sagt Udo Schmidt. „Und man durfte zwei Stunden länger schlafen, weil es nicht so weit zum Fangplatz war wie von Büsum aus.  Auch das Nachtleben von Amrum war damals viel besser als anderswo, denn es gab viele Kinderheime, in denen viele junge Deerns (Mädchen) arbeiteten. Unser Anlaufpunkt war nur zehn Minuten Fußmarsch vom Tonnenhafen entfernt: die Blaue Maus, eine Gaststätte, wo man auch ohne Krawatte reindurfte, und wo die ganze Nacht das Licht brannte. Drinnen und draußen saßen da manchmal 200 bis 300 Leute in Arbeitskleidung, nicht nur Fischer. Dann stand man in vier bis fünf Reihen vorm Tresen. Viele haben sich da verliebt und die Frauen mitgenommen und eine Familie gegründet, ich kenn’ aus Büsum mehrere.“, erinnert sich Herr Schmidt.
Ungefähr 650 junge Damen zwischen 20 und 30 Jahren hätten damals in den vielen Kinderheimen in Wittdün, Nebel und Norddorf gearbeitet, meint Jan von der Weppen, der 1976 die beliebte Gaststätte von seiner Schwester Freya übernommen hat. Der damalige Frauenüberschuss auf der Insel war legendär: Auf gut zehn Frauen kam ein Mann! Sogar eine Fernsehsendung im Vorabendprogramm des Norddeutschen Rundfunks hatte darüber berichtete und eine Party-Szene am Fischertisch in der Blauen Maus gefilmt. So manche Anekdote aus dieser Zeit hat sich bis heute auf der Insel gehalten und rankt um das Thema „Wein, Weib und Gesang“, auf Norddeutsch: „Bier, Weib und „Köm“. Zu viel Köm, wie das alte Gästebuch der Blauen Maus ahnen lässt. Darin wurde vor fünfzig Jahren mit Kuli oder Filzstift festgehalten, wie tüchtig auf Amrum gefeiert wurde, getrunken, geflirtet und... genau: geraucht und geschnackt. „Wer hart arbeiten kann, kann auch feiern“, sagt der Volksmund, und Max Ganzel erzählt von beidem. Dass die Fischer bei schlechter Wetterlage, wenn sie nicht auslaufen konnten, an der Steenodder Mole per Hand Steine löschten oder am Bau geholfen haben, wo immer viel geschleppt werden musste. „Das waren begehrte Hilfskräfte, und in Steenodde wurde ja das ganze Baumaterial angeliefert.“ Und dass früher auf allen Feiern noch gesungen wurde. Mit seinem Akkordeon war Max als Musikmacher auf der Insel begehrt. Er hat als junger Kerl bei Freddy und Käthe von der Weppen in der Blauen Maus gespielt und manchmal auch einfach nur so, nach Feierabend auf der Mole im Hafen „La Paloma“ oder „Wenn die Nordseewellen trekken an den Strand...“ Gern kamen die Fischer aus den Kuttern dann dort zusammen.
In den 1960ern gab die Bundesregierung Fördermittel aus dem Grünen Plan, um die Kutterflotte zu modernisieren und veraltete Schiffe abzuwracken. So bekam auch der Büsumer Kutter SC 45 Bussard von Walter Domscheid, dessen Sohn Heinzi später nach Amrum zog, einen neuen Henschel Motor mit 133 PS und ein hydraulisches Getriebe der Firma Reintjes. Der Kutter ging ein Jahr später an seinen Sohn über, behielt aber trotzdem die Kennung SC für Büsum.
 Von 1961 bis 1969 wurden 26 Büsumer Krabbenkutter stillgelegt, doch erst in den 1970er Jahren kam der große Umbruch und es begann eine Zeit der Innovation. Jetzt kamen neue, größere Schiffe zum Einsatz. Statt schwarzer Rümpfe mit weißen Spiegeln sah man nun bunte Kutter aus Stahl in Grün, Blau oder Rot. Die Motorenleistungen der Kutter wurden stärker, die Technik änderte sich. Die neuen Schiffe brauchten Amrum nicht mehr anzulaufen.
Auch in der Blauen Maus änderten sich die Zeiten. Stand früher zu Tee und heißem Wasser immer die Buddel Köm auf dem Tisch, stiegen die Kapitäne jetzt um auf Bourbon und die jüngeren tranken Bacardi-Cola. Doch dann änderte sich schlagartig alles: Die Kühltechnik hielt Einzug an Bord. Nun konnten die Kutter zum Fischen viel länger auf See bleiben, und die ganze Logistikkette der Krabbenverarbeitung änderte sich ausgehend von neuen Lebensmittelvorschriften in den Niederlanden. Irgendwann in den 1980ern blieben dann auch die letzten Büsumer weg und nur noch Heinzi Domscheid verkaufte seine Krabben weiter auf der Insel, direkt vom Kutter.
Nur wenige der Fischer oder ihre Kinder sind auf der Insel geblieben und haben Amrumerinnen geheiratet. Der Versuch, gezielt einige Krabbenfischer in Wittdün anzusiedeln, schlug fehl.

Alte Geschichten
Die Büsumer Kutter- und Küstenfischer sind schon eine besondere Spezies.
Sie sprechen dieses eigenartige Eiderstedter Plattdeutsch und damals angeblich sogar eine Art Geheimsprache, wenn sie die besten Fangplätze für sich behalten wollten. Immer mal wieder, erzählt schmunzelnd Jan von der Weppen, hätten die Büsumer Fischer ihren angestammten Amrumer Gaststatus gegenüber den Friedrichskoogern mit so handfesten „Argumenten“ verteidigt, dass die dann doch lieber auf Föhr blieben.
Von den Fischern überliefert ist auch ihr derber, aber guter Humor: Fast alle Kutterkapitäne und ihre Helfer hatten Spitznamen, die meist auf kleinen menschlichen Schwächen beruhten: - Blume (Das war Willi Hamann, der sagte, er bringe allen Damen Blumen mit, dabei kannte er eigentlich nur die Blume im Bierglas.) - Kassen Glöönig (Der hieß korrekt Hans Laß und fuhr auf SC 52. Er hatte hohen Blutdruck und deshalb „glühte“ manchmal sein Kopf.) – Urwalddoktor (Der Fischer Heinz Hamann wollte ursprünglich einmal zu Albert Schweitzer nach Afrika. Später benannte er zwei seiner Kutter nach dem berühmten Urwalddoktor.) – Punzel – (Der hieß mit bürgerlichem Namen Hans-Herrmann Albrecht und fuhr auf BÜS 28. Er hatte aber mal einen Hund namens Punzel, von dem er mehr gesprochen hat als von seiner Frau.) – Heinzi Grien (Das  war Karl-Heinz Becker und sein Spitzname ist auf den ersten Blick allgemein verständlich.) – Hanne Hamphamp (Hinter diesem Namen verbarg sich Hans-Hermann, der seinen Namen nur unverständlich aussprechen konnte und von einigen als „trollhafte“ Erscheinung beschrieben wird.) – Mini – (Der fuhr auf SC 30 bei Kalli Wika und war mit seinen 1,68 eigentlich gar nicht so klein. Ein gutmütiger Kerl aus Tönnning, doch vom Alkohol seltsam verwirrt. Er trank nicht einfach nur sein Bier, sondern aß auch das Glas. An den Klarnamen kann sich irgendwie keiner erinnern.) Unter ihren „Kosenamen“ waren die Fischer überall bekannt und jeder wusste genau, wer gemeint war am Hafen. Selbst in der Büsumer Regattazeitung wurde die interessierte Öffentlichkeit noch bis vor ein paar Jahren kontinuierlich mit neuen Anekdoten dazu versorgt. Nur allzu kompromittierende Geschichten, die es in Einzelfällen auch gab, werden lieber hinter vorgehaltener Hand erzählt, selbst 50 Jahre danach. Und vermutlich ist das auch besser so.
Einige ältere Amrumer und auch Feriengäste erinnern sich noch gut an die Fischer, von denen heute leider fast keiner mehr lebt. Damals war es noch erlaubt, Gäste mit zum Fischen rauszunehmen. Manche Kutter nahmen fast jeden Tag jemanden mit. Der Fahrpreis war in der Regel eine Buddel Korn. Darüberhinaus musste man nur etwas zu essen mitbringen und Gummistiefel anhaben. Aber Frauen durften während der Fahrt  grundsätzlich nicht nach achtern (hinten) kommen, um nicht im Weg zu stehen. Männlichen Gästen traute man damals scheinbar mehr Umsicht zu.
Viele überlieferte Geschichten handeln von der harten und gefährlichen Arbeit im Wattenmeer. Manch einer geriet in Seenot in einer Zeit, als man auf den Krabbenkuttern noch nicht einmal das Decca-Navigationssystem oder UKW Funk an Bord hatte. Die alten Holzkutter konnten schnell in Brand geraten, kentern oder sinken, wenn sich eines der beiden Fangnetze im Propeller verfing oder nach einem „Haker“ durch Wracks oder Findlinge. Wie wichtig war da der Seenotrettungskreuzer!

Neue Geschichten
Die neuen Geschichten beginnen mit dem Internet.
Das online Magazin AmrumNews veröffentlichte im Juni 2016 einige Fotografien aus dem Arbeitsleben der Krabbenfischer auf Amrum, die der Hamburger Ingenieur Louis Pohl im Urlaub 1958/59 gemacht hatte. (AmrumNews 20.06.2016 „Als die Büsumer Krabbenkutter im Yachthafen lagen...“) Als er verstorben war, hatte seine Tochter Martha diese seltenen Aufnahmen unter den vielen schönen Dias ihres Vaters entdeckt und sie digitalisieren lassen. Martha Pohl, selbst passionierte Freizeitfotografin und Amrumgast seit frühester Kindheit, war unter den zehn Gewinnern des Fotowettbewerbs 2016 und hatte der Redaktion von den interessanten Fotos ihres Vaters erzählt. Kaum waren sie ins Netz gestellt, meldete sich Herr Schmidt, Udo Schmidt aus Lindau am Bodensee: Er kenne alle diese Kutter... er habe vor Amrum gefischt.... er sammle alles Maritime aus der Zeit... er komme...
Und Herr Schmidt kam tatsächlich. Er machte im September zusammen mit seiner Frau zum dritten Mal Urlaub auf Amrum. Wie es der Zufall will, war zur gleichen Zeit auch Martha Pohl mit ihrem Lebensgefährten im Urlaub auf der Insel. Man traf sich, und Udo Schmidt kam ins Erzählen....
„Ich bin 1946 geboren und habe meine Jugend auf der Büsumer Hafeninsel verbracht, von 1951 bis 1955 immer mit Blick auf die vielen Fischkutter. Über 100 Krabbenkutter und etwa 30 Frischfischkutter liefen damals regelmäßig den Hafen an, um Krabben und Fische zu löschen. Wir Kinder hatten unter den Fischern schnell Freunde gefunden, bei Onkel Willi und Onkel Hein Hamann und halfen beim Krabbenlöschen. Nach der Schule gab es 1963 für mich nur ein Ziel, entweder ein Handwerk lernen oder in die Fischerei.
Im April begann meine Lehre als Schiffsmaschinenschlosser. Da war ich täglich im Hafen. Bei einer Flotte von 100 Kuttern gab’s immer Reparaturen, an den Motorenanlagen, aber auch an den Auslegern und Kurrbäumen. Bis zum Ende meiner Ausbildung habe ich an ungefähr 50 Motorenanlagen mitgearbeitet.
Nach meiner Lehrzeit war ich kurz in der Hochseefischerei, bin dann aber in die Handelsschifffahrt gegangen und als Maschinenassistent auf der Theresia Russ gefahren, denn das wurde viel besser bezahlt. Doch wenn die Ostsee zufror und die Reederei für mich keine Beschäftigung hatte, musste ich stempeln gehen oder mir einen Zwischenjob suchen. So kam ich auf BÜS 103 für eine Saison nach Amrum zum Fischen, unter Kapitän und Eigner Willi Mordhorst senior.“ Und der war bekanntlich penibel.
Bis Anfang der 1980er Jahre fuhr Herr Schmidt als Ingenieur zur See. Dann ging er an Land zur Harmstorf Werft in Büsum, die 1986 Insolvenz anmeldete, und es verschlug ihn an den Bodensee auf eine kleine Werft, um Motoren für Passagierschiffe wie die Graf Zeppelin zu bauen.
Erst 40 Jahre später kam Udo Schmidt das erste Mal wieder nach Amrum, durch seine Frau. Sie, die Bayerin, die er im Urlaub in Büsum kennengelernt hat, liebt die Nordsee und wollte so gern einmal auf die Insel.

Astrid Thomas-Niemann